Abstand halten – Nähe gewinnen?!

Gedanken zum Palmsonntag über Markus 14, 3-9

Abstand halten – das hören wir in diesen Tagen immer wieder – und halten uns daran. Das Corona-Virus zwingt uns sogar auf Gottesdienste und Besuche zu verzichten. Das schmerzt. Denn das ist gerade das Gegenteil von dem was uns Christen verbindet: Gemeinschaft. Jesus hat sie gepflegt und Menschen dazu eingeladen – alle, immer wieder!

Anschaulich schildert die Erzählung zum Palmsonntag wie Jesus Nähe und Gemeinschaft feiert. Eingeladen ist er von Simon „dem Aussätzigen“ – vor seiner Heilung selbst in Quarantäne. Umso mehr freut er sich jetzt, mit Jesus Gemeinschaft zu feiern. Sogar von noch größerer menschlicher Nähe weiß unsere Geschichte: Mitten in die exklusive Männerrunde platzt eine Frau. Sie ehrt Jesus indem sie sein Haupt mit kostbarem Öl salbt. Ein Vermögen lässt sie sich Liebe und Nähe zu ihm kosten. Sie tut es ohne Nebenabsicht oder Profitgier. So vermittelt sie Jesus ihre Wertschätzung.

Nach solcher Nähe zu Jesus sehnen auch wir uns. Am Beginn der so wohl einmaligen „Stillen Woche“, vermissen wir mehr als sonst die Not-wendige lebensstiftende Gemeinschaft untereinander. Aber, um einander zu schützen halten wir Abstand. – Was für ein Kontrast!

Vielleicht hilft solch uns zugemutetes Verhalten aber zum Nach – Denken: Wenn wir im mehrfachen Sinn des Wortes einmal „zwei Schritte zurücktreten“ um etwas von Weitem zu betrachten, oder wenn eine externe Prozess-Beobachterin von außen ,also mit Abstand, unsere Firma begutachtet, bekommt manches einen anderen Stellenwert, nehmen wir unsere Lage anders wahr. Muss uns erst das auferlegte Versammlungsverbot dazu zwingen, unsere vertrauten, aber zunehmend leerer gewordenen Gotteshäuser wieder mehr zu schätzen? Muss uns erst das Fehlen unserer schönen Gottesdienste in jetzt geschlossenen Kirchen, und Versammlungsräumen die Augen öffnen für die wertvollen Orte unseres Glaubens und der Gemeinschaft?

Vielleicht sind wir auch deshalb auf unsere engsten Lebensräume eingeschränkt: Jesu Hinweis inmitten der Geschichte hilft, Arme in unserer Nähe zu sehen: Er lenkt unseren Blick, und den der „unwilligen“ Männer in Betanien, auf die Armen, die „allezeit“ unter uns sind, damals und heute: Vor den verschlossenen Türen der „Tafel“ genauso, wie vor den verschlossenen Türen von Europa oder den zerstörten Türen von Aleppo. Auch unter uns gibt es jetzt Arme, bedroht von Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit oder Insolvenz. Hinzu kommen Kontakt-Arme, denen durch Zu- und Ausgangssperren nahezu alle Gemeinschaft genommen ist: In Krankenhäusern, Pflegestationen, Altenheimen, oder Gefängnissen. Sie alle sind „arm“ dran!! „Wenn ihr wollt …“ so sagt Jesus. „Wenn ihr wollt …“ könnt ihr Gutes tun. Was für ein Auftrag, was für eine großartige Chance – gerade jetzt!

Die vierte Bitte des Vaterunsergebets verbindet uns mit ihnen und Christen auf der ganzen Welt. Wenn wir um „unser täglich Brot“ beten, erbitten wir von Gott alles, so Martin Luther, was zum täglichen Leben gehört: Neben Nahrung und Kleidung unter anderem gute Nachbarn, Frieden, gut Wetter und auch – ja auch Gesundheit! Wenn wir um „unser täglich Brot“ bitten, haben wir auch die im Blick, mit denen wir das Brot des Tages und das Brot des Lebens teilen. So sind wir unseren Nächsten nahe – gerade auch im Abstand! Gezwungen bei denen zu bleiben, die mit uns auf engstem Raum zusammen sind in Familie, Nachbarschaft oder Hausgemeinschaft werden Kontaktformen unterschiedlicher Art neu wichtig: Briefe schreiben, telefonieren, Mails und SMS versenden oder Grüße verteilen und vieles mehr. Alle, die in diesem Sinne heute „arm“ dran weil ohne Kontakte sind, warten auf unsere Zeichen der Zuwendung. Die Karwoche schenkt uns in diesem Jahr mehr Zeit zum Beten, zur Stille und Fürbitte, zu Lob und Anbetung, aber auch zu erfinderischer Kontaktaufnahme und empfindsamer Achtsamkeit. Weil beides zusammengehört: Unser zweckfreies, verschwenderisches Lob Gottes in den Glaubens-Räumen aller Zeiten und unsere notwendende helfende Liebe des Nächsten in den Lebens-Räumen unserer Welt. Beides gehört zusammen, untrennbar: Der Blick nach oben und der Blick nach links und rechts. So werden wir ganz Mensch, unter dem Zeichen unseres Glaubens: dem Kreuz. Gott schenke uns dazu offene Augen, offene Herzen, offene Lippen, und offene Hände.

Prädikant Ulrich Hirsch, Diakon i. R. Sachsenheim-Spielberg