Bericht aus Mailand, Lombardei, Italien

Den letzten Gottesdienst in unserer Kirche feierten wir am Sonntag, den 23. Februar. Dann kam es Schlag auf Schlag. Zuerst die Schulen zu, dann durfte keinerlei Grossveranstaltung mehr sein.

Da in den allermeisten protestantischen Gemeinden in Mailand jeden Sonntag mehr als 100 Menschen zusammenkommen und die Gottesdienstraeume im Normalfall nicht riesig sind, war uns schnell klar, dass wir nicht garantieren konnten, die Gottesdienste ohne Ansteckungsgefahr zu feiern. Obwohl zu dieser Zeit die Restaurants noch offen sein konnten; das aber nur mit einem Sicherheitsabstand von 1 m zwischen den Gaesten. Wir orientierten uns an dem Wort: “Suchet der Stadt Bestes…”.

Nach einem Moment der Ratlosigkeit schlossen wir uns als protestantische Kirchen Mailands (wir arbeiten regelmaessig an gemeinsamen Projekten) noch enger zusammen und entschieden, nun Sonntag fuer Sonntag einen Videogottesdienst anzubieten, den man sich auf den Homepages und Facebook Seiten der Kirchen anschauen konnte, den wir aber auch bequem als Whatsapp verschicken konnten. Jede/r nahm dafuer seinen Part zuhause mit dem Smartphone auf, ein mit uns befreundeter Kameramann uebernahm es dann, alles zusammenzusetzen und mit Schriftzuegen zu versehen. (Homepage der Methodistischen Gemeinde: www.chiesametodistamilano.org)

Jeden Mittwoch treffen wir PfarrerInnen uns (Baptisten, Methodisten, Waldenser, Lutheraner, Adventisten, Heilsarmee) auf Skype und bereiten den Gottesdienst gemeinsam vor. Der geht dann 20 bis 25 Minuten, das Wesentliche.

Anfangs machten wir noch individuell Seelsorgebesuche, wenn erwuenscht (die meisten wollten das aber nicht), jetzt geht alles ueber das Telefon oder mit Kurznachrichten. Es hoert sich seltsam an, aber ich hatte schon lange nicht mehr eine so intensive Seelsorgezeit mit und fuer meine Gemeinde wie in diesen Wochen.

Warum es so wichtig ist, direkten Sozialkontakt zu vermeiden, ist inzwischen auch in Deutschland verstanden worden. Hier in der Lombardei ist die Lage in den Krankenhaeusern sehr sehr kritisch. Auch wenn diese Region eigentlich medizinisch top ist. Es gibt einfach zu viele Patienten, die aufgrund der Lungenentzuendung doch intubiert und intensiv behandelt werden muessen.

Bergamo ist die am schlimmsten betroffene Stadt. Fast 400 Tote in sieben Tagen. Selbst die Bestatter schaffen kaum mehr ihre Arbeit. Die Saerge werden in Kirchen untergebracht, weil in den Leichenhaeusern kein Platz mehr ist. Acht Priester sind dort inzwischen gestorben, dem protestantischen Kollegen geht es Gott sei Dank noch gut. Vier Menschen seiner Gemeinde (ca. 250 Gemeindeglieder) sind am letzten Wochenende gestorben. Eine Beerdigung war nicht erlaubt, bei manchen war es moeglich, dass der Pfarrer in den Tagen vor dem Tod am Telefon gebetet hat. Wenn eine Person stirbt, dann ist zumeist die ganze Familie in Quarantaene. Alle leiden unter Einsamkeit!

Brescia und Cremona sind auch in einer sehr kritischen Lage; in Mailand selbst gibt es bisher noch nicht ganz so viele Faelle. Obwohl die Hausaerzte viele Menschen am Telefon betreuen, die ueber Fieber und Kopfweh klagen, dann aber doch nicht auf den Virus getestet werden, solange sie kein Krankenhaus brauchen.

Raus geht es nur zum Einkaufen; und wenn man es nicht gerade zu den Stosszeiten macht, darf man auch walken oder joggen. Aufpassen soll man dabei sehr, denn jede weitere Person, die zum Beispiel auch nur wegen einer Sportverletzungen das Krankenhaus braucht, soll vermieden werden.

Viele arbeiten von zuhause. Die Schulen und die Universitaten laufen alle online. Aber noch sind viel zu viele Menschen mit den oeffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit unterwegs.

Immer wieder wird appelliert, nur rauszugehen, wenn es unbedingt noetig ist. Letztes Wochenende, als die Restriktionen noch schaerfer wurden, gab es harte Appelle an die Jungen. Sie sollen doch um Himmels Willen ihrer Grosseltern und Eltern zuliebe endlich abends aufs Ausgehen und sich Treffen verzichten.

Trotz der grossen Angst und der vielen Sorgen – fuer viele Menschen bedeutet das Zuhausebleiben natuerlich auch ein wirtschaftlicher Einbruch- hoffen wir, dass wir diese so extreme Fasten- und soziale Wuestenzeit durchqueren und dabei auch etwas lernen koennen. Die Konzentration auf das Wesentliche, der Respekt vor dem Leben der ganzen Schoepfung, die Wiederentdeckung der Solidaritaet, der persoenliche Verzicht zugunsten der dem Virus am meisten Ausgesetzten, der Verwundbarsten.

Ich hoffe, dass es in Deutschland nicht zu “italienischen” Verhaeltnissen kommen wird, und dass Deutschland und die anderen europaeischen Laender von Italien lernen, und dass gerade die Kirchen einen Beitrag zu europaeischer Solidaritaet leisten koennen, indem wir fuereinander beten und unsere Beziehungen trotz der Wuestenzeit verstaerken.

Dorothee Mack, Pfarrerin der Methodistischen Kirche in Mailand, Unuon der Methodistischen und Waldensergemmeinden Italiens