Corona-Virus: Glaube jenseits der Angst

Die Kirchenleitung der Waldenserkirche schreibt an die Mitglieder der Waldenser- und Methodistenkirche und ruft sie zum Gebet und zur Weisheit angesichts des Notfalls auf. Der Text, den der Waldensertisch an die Mitglieder der Waldenser- und Methodistenkirche angesichts des Corona-Virus-Notfalls sandte, ist eine wichtige seelsorgerliche Überlegung, die jeden von uns einlädt, uns nicht in einem feindlichen Individualismus zu verschließen, sondern eine Gemeinschaft im Wort Gottes zu bilden.

Der Brief der Kirchenleitung wurde am 28. Februar geschrieben, und seit 11. März betreffen die Dekrete ganz Italien.

Torre Pellice, am 28. Februar 2020; Übersetzung: Gerlinde Hühn

Liebe Schwestern, liebe Brüder in Christus,

Bis zur letzten Woche verlief unser Leben wie gewohnt: Verpflichtungen in der Familie, der Kirche und der Gesellschaft, Arbeit, Studium, Haushalt, Betreuung der Kinder und Enkelkinder, Freiwilligenarbeit, Treffen mit Vereinen und Planungen, dann wurde die Corona-Virus-Infektion, die China vor ein paar Monaten getroffen hatte, plötzlich real, etwas, mit dem wir umgehen müssen, mit Ruhe und Unterschedungsvermögen. Wir haben festgestellt, dass die Welt klein ist und die Entfernungen geschrumpft sind. Seit wir in Italien über das Virus und das Risiko einer Epidemie gesprochen haben, fürchten wir uns. Wir wurden von manchmal widersprüchlichen, manchmal irreführenden Botschaften bombardiert, die dazu beigetragen haben, unser Gefühl der Angst zu steigern.

Die zuständigen Behörden haben Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um den Ursprung, das Ausmaß der Ansteckungsgefahr, seine Eindämmung und die Organisation von Gesundheitsmaßnahmen im Einklang mit einer gemeinsamen gesellschaftlichen Verantwortung zu in den Griff zu bekommen. Diese Vorsichtsmaßnahmen haben auch das Leben unserer Kirchengemeinden in ihrer praktische Organisation sowie unser individuelles und familiäres Leben berührt. Ohne diese Vorschriften wäre jeder und jede von uns ihrer eignen übertriebenen oder Angst machenden Einstellungen im Zusammenhang mit einer möglichen sozialen Entsolidarisierung ausgeliefert.

Diese Vorsichtsmaßnahmen zu beachten ist sicherlich eine Art, für sich selbst, die eigene Familie und Andere zu sorgen, insbesondere für diejenigen, die betroffen von vorhergehenden Krankheiten, bei einer möglichen Ansteckung mit Corona-Viren schwerwiegenderen Folgen ausgesetzt wären. Die Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten ist eine Art und Weise, sich um die Gesellschaft, in der wir leben, zu kümmern: Wir tun dies zu unserem eigenen Wohl und zum Wohl Anderer, und dabei übernimmt jeder und jede von uns Verantwortung.

Wir sind allen Beschäftigten im Gesundheitswesen dankbar: Allgemeinärzten, Krankenhausärzten, Pflegeheimmitarbeitern, Forschern, die in diesen Tagen an vorderster Front tätig sind, sowie allen Mitarbeitern in den verschiedensten Bereichen der Dienstleistung und der Produktion, die ihre Arbeit unter Einhaltung der Vorsichtsmaßnahmen tun. Unsere Kirchengemeinden handeln ebenfalls gemäß den Regierungsverordnungen, fordern nicht unser verfassungsmäßiges Recht auf Versammlungsfreiheit ein, treffen sich nicht mit unseren Brüdern und Schwestern, was wir gerne tun würden, und organisieren unsere Vorhaben radikal neu.

In den letzten Tagen haben wir jedoch gesehen, dass die Verordnungen zur Vorsorge nicht haben Einstellungen und Verhaltensweisen – von der Angst diktiert – vermeiden lassen können, wie das Hamstern von Lebensmitteln und Gesundheitshilfen.

Wenn Angst uns regiert, tauchen Seiten unseres Menschseins auf, die uns zu Einstellungen bringen, die nicht den Grundsätzen unseres Glaubens entsprechen, der auf absolutem Vertrauen auf Gott beruht: Konkurrenz und Selbstsucht behalten die Oberhand gegenüber Solidarität. Misstrauen, Feindseligkeit, und in einigen Fällen zeigt sich gefährlicherweise unbegründete Gewalt in unserer Gesellschaft, Unvernunft überwindet Vernunft und gesunden Menschenverstand.

Wir wollen das Gefühl der Angst vor dem Unbekannten ernst nehmen und den Wunsch, etwas tun zu können gegenüber dem Gefühl der Ohnmacht, das uns einholt, gegenüber Ereignissen, die wir nicht im Griff haben und die uns zu bedrohen scheinen. Gleichzeitig können wir nicht vergessen, dass die Bibel uns besonders angesichts drohender Ereignisse auffordert, still zu halten, und uns selbst zu prüfen und zu beten, um nicht den Sinn für die tiefe Bedeutung der Dinge, die mit uns und in unserem Leben geschehen und nicht die Berufung, zu der wir berufen sind, zu verlieren.

Die in vielen Regionen des Landes zum Wohle der Gemeinschaft erlassenen Dekrete sollen das Verantwortungsbewusstsein fördern. Sie wirken sich auch auf unser Kirche-Sein aus, was die Versammlungen von Menschen betrifft, die auf das Wort Gottes hören, Gott loben, und für Andere sorgen wollen. Wir haben keine Vorschriften zu beachten, und jeder evangelische Mensch weiß, dass er oder sie zu Hause die Bibel lesen und beten kann, zusammen mit denen, die in einer kleinen Gruppe von Verwandten und Nachbarn verbunden sein möchten, dem Worte Jesu folgend: „Wo zwei oder drei sind versammelt in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“.

Aber unsere Berufung geht über den Einzelnen hinaus: Gott hat uns berufen, ein Leib zu sein und unsere Individualitäten zu verbinden, denn unser Glaube mit seinen Fragen und Hoffnungen braucht den Trost anderer, um miteinander auf das Wort Gottes zu hören. Auch für uns Protestanten ist die Kirche keine Nebensache. Es scheint uns wichtig zu sein, daran zu erinnern in diesen Tagen, an denen die Kirche nur ein Ort von Ansteckung zu sein scheint, der vermieden werden sollte.

Wenn die Verkündigung und das Hören des Wortes und auch die gegenseitige Unterstützung beim Zuhören ein wesentlicher Bestandteil des Lebens der Kirchengemeinde sind, werden wir sicherlich in diesen Tagen Wege finden, um das zu garantieren. Die Pfarrer und Pfarrerinnen, die Diakone und Diakoninnen können telefonisch, per E-Mail, in sozialen Netzwerken erreicht werden, sie können zu Hause willkommen geheißen werden, in ihren Gemeindebüro oder daheim erreicht werden.

Die Verkündigung des Wortes kann ihren Weg durch das Lesen von Meditationen finden, die in Büchern oder auf unserer kirchlichen Website chiesavaldese.org, in der Zeitschrift Riforma veröffentlicht werden. Weiter kann sie geschehen durch die von „Un giorno una parola“ (der italienischen Version der Losungen) vorgeschlagenen Lesungen, durch das Hören des evangelischen Gottesdienst auf RAI Radio 1 oder bei Radio Beckwith evangelica allein oder unter Beteiligung weniger Anderer oder mithilfe von Ideen, die noch ausprobiert werden müssen.

Das Wichtigste ist, aneinander zu denken und sich daran zu erinnern, dass Gott uns auch heute noch etwas zu sagen hat und zu uns spricht, dass unsere Angst beherrscht werden kann, dass wir nicht uns selbst ausgeliefert sind.