Die Esslinger Waldenser

Wir waren eine eingeschworene Truppe. Raue Lieder am lodernden Feuer. Fahrt und Lager. Schwarze Zelte im Morgennebel. Keuchende Lungen an steilen Felsen. Kein Weg zu weit, kein Berg zu hoch. 15 Jungs waren wir. Zufällig zusammengewürfelt. Acht Jahre lang verbrachten wir miteinander. Gruppenabende, Pfingstlager, Sommerfahrten. Wir kannten uns! Aus unserer gemeinsamen Pfadfinder-Zeit sind Freundschaften für´s Leben entstanden. Bis heute treffen wir uns einmal im Jahr.

Bei der Esslinger CVJM-Pfadfinderschaft ist es üblich, dass die Gruppen sich selbst einen Namen geben. Wir haben uns Waldenser genannt. Zugegeben: Wir wussten anfangs so gut wie nichts über die Waldenser, uns hat einfach der Name gefallen. Aber es hat uns fasziniert, die Geschichte dieser mutigen Jesusleute zu entdecken. Ihr Name geht zurück auf einen französischen Kaufmann aus dem 12. Jahrhundert namens Waldes. Ihn trieb die Frage um, ob er als reicher Kaufmann vor Gott gerechtfertigt werden könne. Die Antworten, die ihm sein Priester gab, befriedigten ihn nicht. Er ließ das Neue Testament in seine Landessprache übersetzen, damit er es selbst lesen konnte. Die Botschaft der Bibel veränderte das Lebens Waldes radikal. Er gab sein Kaufmannsdasein auf, verschenkte seinen Reichtum und versuchte fortan so zu leben, wie Jesus es von seinen Jüngern in der Bergpredigt und in den Aussendungsreden gefordert hatte. Er und seine Anhänger nannten sich die „Armen Christi“. Sie zogen predigend durch die Dörfer und riefen die Menschen in die Nachfolge. So ist vor ca. 800 Jahren die Waldenser-Bewegung entstanden. Lange vor der Reformation stellten sie urevangelische Forderungen: Die Bibel als alleinige Richtschnur in Glaubensfragen. Predigterlaubnis für „Laien“ (übrigens waren von Anfang an auch Predigerinnen dabei!). Schon bald gerieten die Waldenser in Konflikt mit der spätmittelalterlichen katholischen Kirche. Über viele Jahrhunderte blieben die Waldenser eine Untergrundbewegung. Ihre Geschichte ist gekennzeichnet von Phasen der Duldung, der Unterdrückung bis hin zu blutiger Verfolgung durch die Inquisition. Ihre Rückzugsorte waren entlegene Täler in den französischen Alpen und dem Piemont. Bis heute können in den „Waldensertälern“ Ruinen ehemaliger Bibelschulen erwandert werden. 1699 fanden einige Waldenser Zuflucht in Süddeutschland. Nach dem 30-jährigen Krieg war die Landbevölkerung stark dezimiert. Die tüchtigen Waldenser waren im Schwabenland willkommen, um die brachliegenden Felder zu bestellen. Bis heute zeugen französische Familien- und Ortsnamen von den waldensischen Ansiedlungen. In Perouse (Landkreis Böblingen) steht der Denkmalbrunnen von Henri Arnaud, dem Pfarrer, der die Waldenser damals nach Württemberg geführt hatte. Dieses Jahr ist sein 300. Todestag. Mancherorts werden aus diesem Anlass Waldenser-Gottesdienste gefeiert.

Der Wahlspruch der Waldenser lautet: Lux lucet in tenebris. Dieser Satz hat sich tief bei uns 15 Esslinger „Waldensern“ eingebrannt. Jeder von uns kennt seine Bedeutung. Auch diejenigen, die kein Latein gelernt haben. Wir haben ihn auf unsere T-shirts gedruckt und im „Waldenser-Lied“ oft gesungen: Lux lucet in tenebris – Licht leuchtet in der Finsternis (Johannes 1,5). In unseren alljährlichen Erzählrunden wird, je älter wir werden desto mehr, deutlich, dass das Leben nicht nur aus Pfadfinder-Romantik besteht. Jeder von uns kennt die Schattenseiten des Lebens. Aber auch das weiß ein Pfadfinder: Je dunkler die Nacht, desto heller leuchtet der Morgenstern, der den neuen Tag ankündigt.

Jesus sagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der
Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. (Johannes 8,12)

Herzliche Grüße aus dem ABH

Ihr

Matthias Riedel
Studienleiter im ABH

Dieser Beitrag erschien unter dem Originaltitel „Lux lucet in tenebris“ in „angedacht – Die Freitagsmail aus dem ABH“ (Albrecht-Bengel-Haus), Nr. 24, März 2021