Kirche und Gesellschaft brauchen das Wort Gottes

July und Trotta im Gespräch

Mit einem Gottesdienst in der Stuttgarter Stiftskirche und einer Diskussion im bibliorama ist am 19. September der Waldensersonntag begangen worden. Den 300. Todestag von Henri Arnaud hatte die württembergische Landeskirche zum Anlass genommen, in diesem Jahr mit einem Waldensersonntag an Arnaud und die Waldenser zu erinnern.

Damals wie heute wird darüber diskutiert, ob Kirche und Politik zusammengehören und sich gegenseitig beeinflussen können oder sollen. Beim Podium im biliorama unter dem Titel „Wie viel Kirche braucht die Welt?“ haben der württembergische Landesbischof Frank Otfried July und Alessandra Trotta, Moderatora der Waldenserkirche in Italien, darüber diskutiert, welche Rolle Kirchen in Politik und Gesellschaft haben.

Alessandra Trotta ist davon überzeugt: „Kirche und Gesellschaft brauchen das Wort Gottes.“ Die Rolle der Landeskirchen sei in Deutschland immer noch stark, sagte July. Die Kirchen seien zwar keine Staatskirchen mehr, aber die Verbindungen zum Staat seien nach wie vorhanden. Die Kirchen übernehmen vor allem im sozialen Bereich Aufgaben für den Staat und seien im Bildungsbereich sehr präsent. July räumte aber auch ein, dass diese Präsenz von der Zustimmung einer Gesellschaft abhänge.

Was macht eine Minderheitenkirche so attraktiv, dass sie etwa in Italien immer wieder auf der Titelseite der großen Tageszeitungen steht, fragt Moderatorin Franziska Stocker-Schwarz, Direktorin des bibliorama. In letzter Zeit vielleicht das starke Engagement für Flüchtlinge, vermutet Alessandra Trotta. Das stoße in Italien auf große Resonanz. Seit 2016 kümmere sich die Waldenserkirche um Menschen aus Syrien, Libyen und jetzt auch aus Afghanistan.

Über Italien hinaus bekannt ist das Projekt „Mediterranean Hope“ in Lampedusa (Sizilien). Das Begegnungs- und Beobachtungszentrum für Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten, die über die Mittelmeerroute Asyl in Europa suchen, ist inzwischen längst zu einem ökumenischen Projekt geworden. Das Thema „Flüchtlinge“ ist für July ein gutes Beispiel für die Akzeptanz der Kirche in der Gesellschaft. Er habe selbst erlebt, dass über dieses Engagement Menschen überhaupt erst zur Kirche gekommen seien.

Wie unterscheiden sich Volkskirche und Minderheitenkirche? Alessandra Trotta beschreibt die Waldenserkirche als „aufnahmebereit, inklusive und demokratisch orientiert“. Die Waldenserkirche habe keine Privilegien, das mache sie in gewisser Weise unabhängig, und „wir versuchen, die Dynamiken der Macht zu vermeiden“. Für Trotta ist es eine Herausforderung, dass die Bibelworte nicht nur gesprochen werden, sondern in das Leben jedes Einzelnen übergehen. „Ich persönlich meine, wenn man in eine Kirche geht, dann sollte man wenigstens den Geschmack Gottes mit herausnehmen“, sagt die oberste Repräsentantin der Waldenserkirche.

In einer Volkskirche gebe es eine große Bandbreite an Meinungen. Aber für den Bischof gibt es auch Grenzen: „Rassismus, menschenverachtender Populismus oder Antisemitismus dürfen in unserer Kirche nicht sein.“ Eine Volkskirche könne auch immer wieder Religionsfreiheit einfordern und sich für Menschen einsetzen, die keine eigene Stimme haben.

Vor gut 300 Jahren hat Henri Arnaud bewaffneten Widerstand geleistet. „Gibt es heute Situationen, die für Christen den Einsatz von Waffen rechtfertigt?“, fragt Franziska Stocker-Schwarz. Trotta antwortet eindeutig: „Die Tötung eines Menschen ist immer eine Sünde, da führt kein Weg dran vorbei.“ Sie erinnert aber auch an Dietrich Bonhoeffer, der sich vorstellen konnte, ein Attentat auf Adolf Hitler mit seinem Gewissen zu vereinbaren. Frank Otfried July sagt: „Ich bin kein Radikalpazifist.“ Er selbst habe Blauhelm-Einsätze zum Schutz von Frauen und Kindern im Sudan erlebt. Und er sei froh gewesen, in Nord-Nigeria von bewaffneten Soldaten begleitet worden zu sein. „Das ist ein schmaler Grat, um Ordnung und Gerechtigkeit aufrecht zu erhalten.“

Was beide Kirchen voneinander lernen können, fragt Franziska-Stocker-Schwarz. Generell könne man von Minderheitenkirche die Zuspitzung des Profils lernen, sagte July. Für ihn ist es aber auch die Entschiedenheit der Waldenser in manchen Fragen. Außerdem mache die Kirche immer deutlich, dass die Grundlagen in ihrem Engagement die biblische Botschaft sei.

Alessandra Trotta ist hat beobachtet, dass in Württemberg alle Generationen in der Kirche vertreten sind. Das sei in der Waldenserkirche nicht mehr der Fall. Einig sind sich July und Trotta in der Einschätzung, dass Kirchen generell vor einer neuen Herausforderung stehen. July ist sich sicher: „Wir müssen uns auf die Veränderungen unserer Gesellschaft einstellen. Wir müssen mehr erklären. was christlicher Glaube ist, und Vorurteile abbauen.“

Feierlicher Gottesdienst in der Stiftskirche

Mit einem feierlichen Gottesdienst mit Landesbischof Frank Otfried July (Predigt) und Pfarrer Markus Epting aus Ötisheim mit Schönenberg (Liturgie) in der Stuttgarter Stiftskirche hatte der Waldensersonntag begonnen. An dem Gottesdienst waren auch außerdem Alessandra Trotta (Moderatora der Waldenserkirche in Italien), Dorothea Vinçon (Präsidentin der Deutschen Waldenservereinigung), Sabine Foth (Präsidentin der württembergischen Landessynode), Matthias Vosseler (Stiftspfarrer), Kay Johannsen (Stiftskantor) und Fanie Antonelou (Gesang) beteiligt.

In seiner Predigt hob Landesbischof July hervor, dass die Waldenserkirche in Italien heute eine anerkannte gesellschaftliche und diakonische Rolle spiele, obwohl sie dort eine Minderheitenkirche sei. Die mittelalterliche Gemeinschaft, die lange als Ketzergemeinschaft verschrien gewesen sei, „ist ihren Weg durch die Dunkelheiten der Zeit im Vertrauen auf Gottes Licht immer wieder neu gegangen“. Damit nahm July auf den Wahlspruch der Waldenser „Das Licht leuchtet in der Dunkelheit“ aus dem Johannesevangelium Bezug.

Das Bibelwort fordere zu Gottvertrauen auf. Bis heute sei Gottes Wort Anker und Orientierung in einer pluralen, polarisierten Gesellschaft. Landesbischof July verknüpfte das Wort aus dem Johannesevangelium mit dem Satz aus dem Matthäusevangelium „Ihr seid das Licht der Welt“. Damit werden Christen aufgefordert, Licht zu sein. Beides gehöre zusammen: „Glauben und Leben. Verkündigung und Diakonie. Die Verknüpfung beider hat die Waldenser so stark gemacht.“

Die deutschen Waldensergemeinden wurden im 19. Jahrhundert in die Landeskirchen integriert. Dadurch hätten sie immer mehr den Kontakt zu ihrer Identität verloren. Erst die 1936 gegründete die Waldenservereinigung habe das Wissen um Identität und Tradition wieder aufleben lassen. Mit dem Waldensersonntag nehme die Landeskirche die Pflege der Erinnerung erneut auf. Dabei gehe es um eine lebendige Erinnerung, die „unseren heutigen Weg auch als Landeskirche befragt und geistlich in eine Perspektive stellt“.