Vaterunser – Predigt am Sonntag Rogate

Gottesdienst am Sonntag Rogate, 17. Mai 2020

Predigt zu Matthäus 6, 5-15

Liebe Gemeinde!

Es war in der Kinderkirche unseres Dorfes. Die ehemalige Mitarbeiterin kommt noch einmal in die Kirche. Reihum fragt sie die Kinder nach ihren Namen. Sie kennt ja die alteingesessenen Familien und Geschlechter. Am Ende beugt sich das zerfurchte Gesicht unter schneeweißem Haar über einen Dreijährigen: „Und wem gehörst denn Du?“ Der Kleine erschrickt zunächst. Aber nach kurzem Zögern tönt es schwäbisch laut und selbstbewusst durch die Kirche: „I, i g`hör mei`m Babba !!“ (= „ich gehöre meinem Papa!“).

Genau darum geht es am Sonntag Rogate. Darum, dass wir wissen, wohin wir gehören. Darum, dass wir wissen, zu wem wir – immer – kommen dürfen. Darum, dass wir wissen, wer unser Vater ist. Das heisst auch, dass wir uns mit allem was uns bewegt und umtreibt an ihn wenden können. Mit dem was Not macht, gerade in Zeiten der Krise. Aber auch mit dem, was uns freut oder lähmt,was uns zweifeln und hilflos werden lässt oder total verunsichert und nur Fragen hinterlässt.

Mitten in solchem Suchen und Fragen möchte uns der Predigttext zum Sonntag Rogate, was „betet“ heißt, einladen, das Gebet Jesu neu zu entdecken. So lesen wir Matthäus 6, 5 – 15 .

Welt – durchdringend ist das unbekannte Virus. Unsichtbar und doch überall Abstand schaffend infiziert es so viele. Seit Wochen lähmt, bedroht und verändert es unser ganzes Leben!

Welt – umspannend ist das wohl bekannteste Gebet von Jesus. Unsichtbar und doch überall Verbindung schaffend inspiriert es so viele. Seit Jahrhunderten verändert es Menschen.

Gefüllt mit Seligpreisungen, Bildworten, Gesetzesformeln, Gleichniserzählungen, Lebensweisheiten und Goldenen Regeln für ein gerechtes und gelingendes Leben vor Gott und unter Menschen ist die Bergpredigt Jesu. Ihre Mitte ist das Vaterunser-Gebet. Zugleich ist es die Mitte von Jesu Verkündigung und Leben. Damit zeigt er uns seine besondere Beziehung zum Vater, zur Zeit und zur Welt. Als Vermächtnis gibt er es den Seinen, um damit zu leben, zu sterben und zu glauben. Gestern, heute und allezeit, weil es Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umschliesst. So ist das Vaterunser – in der Tat – ein Gebet, das die Welt umspannt. Es will uns helfen, richtig adressiert, orientiert und konkretisiert zu beten. Zugleich zeigt es uns die rechte Platzanweisung: Von Lob und Anbetung in Stille und Einsamkeit vor Gott zu Dank und Fürbitte in der Gemeinschaft für Menschen unserer Umgebung und für die Nöte der weiten Welt.

(1) Im Vaterunser lehrt Jesus uns zu Gott „Vater“ sagen. Nicht im idealistischen Sinne wie Friedrich Schiller, über dessen Sternenzelt „ein lieber Vater wohnen muss“. Der biblische Gott ist keine anonyme Grösse. Er trägt einen Namen. Dieser Name ist die einzig richtige und einzig mögliche Adresse für unser Beten. Dieser Name – gezeigt, illustriert und sichtbar geworden in Jesus Christus – heißt Vater. So kindlich, so vertraut wie der kleine Bub in unserer Kinderkirche und so emotional wie Jesus in Gethsemane dürfen wir ihn ansprechen. ..“

Aber Halt: Bereits hier werden manche stutzig und protestieren innerlich: So glatt und so brav ist mein Bild nicht vom Papa, „der alles wieder richten wird..“ wie es in einem Song heisst. “Immer wenn mich etwas bewegt, ein Problem, eine Neuigkeit, Sorgen und Fragen, gehe ich nicht zum Vater sondern zu meiner Mutter“ , sagt eine 17jährige. Manche unter uns haben wie sie ein anderes Vaterbild, wie auch die 29jährige: „Er war verschlossen, misstrauisch, jähzornig und gewalttätig. Misshandlungen und Missbrauch haben viele Risse und ganz dunkle Flecken in mein Vaterbild eingezeichnet“. Und der 45jährige bemängelt, dass sein Vater nie Zeit für ihn hatte, weil Beruf und Verein wichtiger waren. Ganz andere Erfahrungen stehen den über 75jährigen Geschwistern vor Augen: Ihr Vater ist vom Krieg nicht mehr heimgekommen. Ohne ihn mussten sie – wie manche Menschen heute – und doch ganz anders- als Kinder ohne Vater ins Leben hineinfinden.

Welches Vaterbild wir auch in uns tragen: Wie und in welcher Haltung beten wir zu diesem Vater-Gott heute?

(2) Können Menschen mit solchen Erfahrungen zu Gott wie zu einem Vater beten? Können wir heute – am Sonntag Rogate – wie alle Tage unseres Lebens – voll Vertrauen zu Ihm aufblicken? Glaubend, dass er, Schöpfer Himmels und der Erden, der Herr der Welt ist? Vertrauend, dass ER die Hauptsache ist und bleibt- auch wenn Krise und Katastrophe, Krankheit und Angst, Zweifel und Depression unsere Tage dominieren wollen?

Gott und sein Reich stehen im Vaterunser an erster Stelle, unser irdisches an der zweiten. Diese Reihenfolge bleibt unumkehrbar, weil wir Menschen nur von Gott her zu uns selber finden können. Aus der rechten Hinwendung zu Gott erwächst die rechte Zuwendung zu mir selbst und zu meinen Mitmenschen. Letzteres wird bereits im zweiten Wort des Gebets angedeutet und später wiederholt, wenn wir von „unserem“ Vater, „unserem“ täglichen Brot und „unserer“ Versuchung reden. Damit bekennen wir, dass wir in Gemeinschaft mit anderen Menschen vor Gott stehen. Deshalb kommen wohl auch die Worte „ich, meiner, mir, mich“ im Vaterunser überhaupt nicht vor!

Der zweite Teil der Vaterunser-Bitten spricht wesentliche Grundbedürfnisse von uns Menschen an: Die Bitte um das tägliche Brot betrifft unsere Gegenwart. Sie schliesst nach Martin Luther alles ein, was zum täglichen Leben gehört: unter anderem „… gut Wetter, Frieden, gute Nachbarn und auch – ja auch Gesundheit!“ Mit der Bitte um Vergebung bringen wir die Vergangenheit unseres Lebens vor Gott. Und mit der Bitte um Hilfe in der Versuchung vertrauen wir Gottes Hand unsere Zukunft an.

Spätestens mit dem Wort von der Versuchung werden unsere eingangs skizzierten Vaterbilder weiter hinterfragt: Bleibt der Gott der Bibel nicht auch für uns, wie für so viele – zwiespältig, gar verborgen? Zweifel und Fragen tauchen auf: Was ist das für ein Vater-Gott, der mit der Sintflut die Welt fast ausrottet, der es zulässt, dass sein Volk deportiert und in Gaskammern umgebracht wird? Was ist das für ein Vater-Gott, der der Zerstörung von Aleppo ebenso wie den Geflüchteten auf Lesbos oder den Sargkolonnen von Bergamo zuschaut? Ähnliche Fragen brechen auch im privaten Bereich auf, wenn eine 5fache Mutter an Krebs stirbt oder der 19jährige beim Autounfall in den Rollstuhl katapultiert wird.

Selbst Jesus, der Sohn dieses Vaters, bleibt nicht von solchen Fragen verschont: Am Rande seines letzten Abgrundes schleudert er die „Warum-Frage“, auf vielen Friedhöfen gestellt, Gott entgegen. Zu diesem Zeitpunkt bleibt seine Frage ohne Antwort. Und doch kann er sie, wie alles andere, IHM sagen. Das dürfen auch wir. Dieser Gott ist uns näher als jeder vorgeschriebene Abstand. Er ist nur ein Gebet weit entfernt. Das Virus zwingt uns zu unliebsamen Abstand, unnatürlicher Abgrenzung und unmenschlicher Abschottung (durch Masken). Das Gespräch mit Gott dagegen ermöglicht uns liebevolle Zuwendung, grenzenloses Zutrauen und ungehemmten Zuspruch. Dazu helfen uns in vielen Bildern mit Klage, Lob , Wut und Anbetung viele wunderbare Psalmen und sicher auch manche Lieder. Ob darin nicht schon ein Stück Hilfe und Antwort – von Gottes Seite – für uns mitschwingt?

(3) Sehen wir das zwangsweise Herunterfahren (den shut-down) aller Systeme und Aktivitäten nur als Zusammenbruch und Einsamkeit? Oder erkennen wir durch neu gewonnene Zeiträume und Entschleunigung auch Chancen, Leben ganz anders, mit Neuem und Wesentlichem zu entdecken? Umsicht und Fürsorge, Zuwendungsbereitschaft und Achtsamkeit sind überraschende Erfahrungen. Nehmen wir dazu Schwache, Alte und Kranke, aber auch Einsame und Familien mit Kindern in ihren engen Wohnungen in den Blick. Die zwangsweise verordnete Stille ist auch eine geschenkte Möglichkeit wieder die Bibel zu lesen, Menschen ins Gebet zu nehmen und hilfreiche Hände in Bewegung zu setzen.

Das weltumspannende Gebet Jesu verbindet uns nicht nur mit Schwestern und Brüdern rund um den Globus. Es ermöglicht in unseren Tagen vor allem Befreiung und Blickwechsel: Wenn das Gebet aller Christen Bedeutung hat in unserer Wirklichkeit, befreit es vom Zwang, immer schneller, weiter, höher zu arbeiten, zu lernen, zu leisten, zu wirtschaften. Unter dem Horizont des Vaterunser-Adressaten entdecken wir wieder den „Mehrwert“ des Lebens. Unser Blick wechselt von der ausschliesslichen Fixierung auf Corona mit all seinen schrecklichen Folgen hin zum Vater und Schöpfer des Himmels und der Erde.

(4) Zu solchem Blickwechsel hat vor 75 Jahren Helmut Thielicke, am Ende der schlimmsten Katastrophe des 20. Jahrhunderts, inmitten aller Zerstörung, Menschen mit leeren Händen befreit:

„Das Gebet des Herrn umschliesst in einem ungeheuren Spannungsbogen die größten und die kleinsten Dinge. Dieser Bogen wölbt sich von der Bitte um das kommende Reich, also um die totale Wandlung aller Dinge und Machtverhältnisse, bis hin zur täglichen Brotration. Großes und Kleines, Geistiges und Materielles, Inneres und Äusseres-: es gibt nichts, was nicht in diesem Gebet beschlossen wäre. Es kann von einem Kind gesprochen werden, das um ein Butterbrot bittet, und es kann zugleich gebetet werden in jener beklemmenden Zone zwischen `Vernichteten und Überlebenden`, wo man inbrünstig dem Reich entgegenharrt, das da kommen soll und die ausweglos gewordenen Weltzustände ablösen wird.

Das Vaterunser ist wirklich ein totales Gebet. Und seine sieben Bitten gleichen den Regenbogenfarben des Spektrums, in die sich das Licht zerlegt, wenn es im Prisma gebrochen wird. Das ganze Licht des Lebens ist in diesem Regenbogen der sieben Bitten eingefangen. Keiner wird sagen dürfen: Mich lässt er leer ausgehen, oder an meine Lebensnot hat es nicht gedacht. Es kann an den Wiegen und an den Särgen gesprochen werden, es kann vor den Altären der großen Dome aufsteigen und aus den nächtlichen Kammern derer, die ihr `Brot mit Tränen essen`., es kann an der Hochzeit gebetet werden und am Schafott, und es ist ja auch überall dort gebetet worden. Alle sieben Farben unseres Lebens sind darin; und so sind wir denn nie allein gelassen.“

Der kleine Bub unserer Kinderkirche hat grenzenloses Vertrauen zu seinem Vater. Er weiss, wem er gehört. Deshalb kommt er auch zu seinem Vater mit allem was ihn bewegt, zu jeder Zeit: Traurig oder fröhlich, liebesbedürftig oder zornig, ängstlich oder hilflos. Er weiss: An der Hand meines Vaters kann ich zuversichtlich gehen: Ins Leben, in die Zukunft, in die Welt. Aber er ahnt wohl auch, dass er nicht alles verstehen und auf alle seine Fragen Antwort erhalten wird.

Zum Vater, den uns Jesus zeigt, dürfen auch wir kommen. Mit allem was uns bewegt und beschwert. Wir wissen uns in seiner Hand. Auch wenn wir nicht auf alle Fragen Antworten erhalten. Heute, wo wir an so vieles sorgenvoll aber auch dankbar denken, beten wir voll Vertrauen zu diesem Vater von neuem:

„…und erlöse uns von dem Bösen! Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“

Sachsenheim-Spielberg, in der Woche zwischen Jubilate und Kantate 2020

Ulrich Hirsch